Nicht waafn sondern machen – beim 2. CycleHack Nürnberg

Dienstag, 09. August 2016

 Vom 24. - 26. Juni kamen auf der ganzen Welt in mehr als 30 Städten engagierte Radfahrer zusammen um ihre Ideen für ein angenehmeres Fahrradfahren Wirklichkeit werden zu lassen.

Auch Nürnberg war wieder Teil der globalen CycleHack* Community. Mit diesem Event habe ich kurz vor meinem Einstieg als Lead Service Designer bei insertEFFECT meinen neuen Chef in einer ganz anderen Rolle erleben dürfen. Veranstaltet habe ich das Event im Namen von BLUEPINGU e.V., einem Verein, der sich für nachhaltig Leben in Franken engagiert und bei dem ich ehrenamtlich aktiv bin. Benno war nicht nur offizieller Vertreter des Hauptsponsors des zweiten CycleHack Nürnberg, sondern auch mein Co-Moderator.

 

Kids CycleHack

kids hackDa am Freitagnachmittag immer das Kids Lab vom FabLab Nürnberg veranstaltet wird, nutzten wir die Möglichkeit, auch mit den anwesenden Kindern über Ihre Ideen sowie Hindernisse beim Radfahren zu sprechen und durch Lego-Prototypen erlebbar zu machen. Zwar waren wegen des tollen Freibadwetters nur zwei Kinder da, aber diese waren so Feuer und Flamme, dass es nächstes Jahr auf jeden Fall wieder einen Kids-CycleHack geben wird. An dieser Stelle herzlichen Dank an Jürgen Bayernköhler für die weltklasse Betreuung des Kids CycleHack!

 

Kick-Off und Problemraum erkunden

testfahrtBeim 2. CycleHack Nürnberg hatten die Teilnehmer nur 28 Stunden Zeit um Probleme und Hürden beim Radfahren zu entdecken, Lösungsideen zu entwickeln, auf der Straße zu testen und ihre Lösungskonzepte zu verfeinern. Gemeinsam begrüßten Benno und ich am Freitagabend knapp 20 TeilnehmerInnen im FabLab Nürnberg. Als Einstieg gab es zwei Impulsvorträge, um in das Thema Rad fahren aus verschiedenen Perspektiven einzutauchen. Matthias Hueber von iBike Nürnberg stellte die Entwicklung von Mobilität in urbanen Räumen vor und zeigte innovative Lösungen für fahrradfreundliche Städte. Danach berichtete Hendrik von Relo, wie sie auf die Idee mit dem E-Steckantrieb kamen, wie das System funktioniert und welchen Herausforderungen sie sich als StartUp stellen müssen. Im Anschluss konnten die CycleHacker neue Mobilitätsansätze wie ein E-Einrad, den Ansteckelektromotor vom Nürnberger StartUp Relo oder dem Lastenfahrrad Fridolin von iBike Nürnberg selbst testen. Dieses Setting war für die Teilnehmer sehr inspirierend und wir sagen herzlich Danke an die Referenten und Testgeräteinhaber!

fightclubZum Abschluss des Abends tauchten wir dann gemeinsam in international und lokal gesammelte Barrieren für das Fahrradfahren ein. In einer Art “Fight Club” diskutierten die CycleHacker Hintergründe und versteckte Bedürfnisse von Barrieren, um auf das tatsächliche Problem oder einen echten „need” zu stoßen.

 

 

 

Mit den Händen Denken und experimentieren

feedbackrundeDer Samstagvormittag stand ganz im Zeichen der Ideenentwicklung zur Lösung von Problemen, die wir am Freitagabend gemeinsam identifiziert hatten oder Ideen, die CycleHacker schon länger in sich trugen. Anstatt die Lösungskonzepte totzudiskutieren, wurden diese in einem ersten Schritt durch Paper-Prototypen und Lego erlebbar gemacht, um sich untereinander ein besseres Feedback geben zu können. Nach dem Mittagessen wurde das Feedback von den Teams aufgegriffen und ihre Lösungsideen zu erlebbaren und somit testbaren Prototypen weiterentwickelt. Dann ging es zum Quicktest auf die Straßen von Muggenhof, um sich von potenziellen Nutzern ein auf Erfahrung basiertes Feedback abzuholen. Folgende Lösungsideen wurden einem Realitätscheck unterzogen:

Plug & Tug
An steilen Bergen verlassen einen Radfahrer schnell die Kräfte. Wie kann man ohne einen Elektromotor dieses Hindernis leichter überwinden? Dazu entwickelte das Team ein einfaches “Mitnahme” System, bei dem Kraftfahrer die Radfahrer mit modularen und temporären Hilfsmitteln den Berg mit hochziehen. Das Video vom Street-Test findet Ihr hier auf Facebook. Mehr Infos zum Projekt gibt es hier: http://www.cyclehack.com/catalogue/plug-tug-free-towing-service

Cycle Belt
Was tun, wenn man sein Fahrrad des Öfteren längere oder mehrere Treppen hochtragen muss? Für dieses Problem entwickelte das Team ein einfaches Tragesystem, das ans Rad auch nur temporär angebracht werden kann. Mehr Infos zum Projekt gibt es hier: http://www.cyclehack.com/catalogue/cycle-belt

LED Licht für Radanhänger
Oftmals sind Radanhänger unbeleuchtet und werden daher in der Dämmerung oder nachts schlecht gesehen. Die Lösung könnte ein LED-Licht-Klicksystem sein, das man leicht selber bauen kann (wenn man ein FabLab zur Hand hat). Mehr Infos zum Projekt gibt es hier: http://www.cyclehack.com/catalogue/led-light-for-child-bike-trailer

CycleHack Trails
Oftmals sind Radwege und Beschilderungen nicht die einfachste oder direkteste Route zwischen zwei Orten. Mit dem analogen und digitalen CycleHack Trails kann eine örtliche Radfahrer-Community leicht Abhilfe schaffen und alternative Routen in der Stadt oder zu Ausflugszielen selbst beschildern. Mehr Infos zum Projekt gibt es hier: http://www.cyclehack.com/catalogue/cyclehack-trails

Phoning in the wind
Wer beim Radfahren über ein Headset telefoniert, kennt das Problem der störenden Windgeräusche. Das Team hat hier einen einfachen LifeHack entwickelt, in dem das “Tote Katze” - System aus dem Fernsehtechnikbereich auf ein Headset übertragen wurde. Mehr Infos zum Projekt gibt es hier: http://www.cyclehack.com/catalogue/dead-cat

Cycle Guerilla Kit
Das Team nahm sich gleich verschiedene Barrieren zur Lösung vor und entwickelte einen Hack-Tool-Koffer, mit dem Radfahrer spontan Hindernisse beseitigen können, oder auch das Leben anderer Radfahrer erleichtern können. Sozusagen ein permanentes CycleHacking. Mehr Infos zum Projekt gibt es hier: http://www.cyclehack.com/catalogue/cycle-guerrilla-kit

 

Quick-Test auf der Straße - Ideen erleben

streettestDie Meinung der spontanen Tester fiel sehr unterschiedlich aus. Manche Ideen, wie die LED-Lichter für Radanhänger oder das Guerilla Kit wären am liebsten von den Testpersonen sofort genutzt oder gekauft worden, bei anderen Ideen, wie dem Vorhaben Plug&Tug sind noch rechtliche und technische Hürden zu meistern, sollte man die Idee umsetzen wollen. Es zeigt sich, auch ein unvorbereiteter und spontaner Quick-Test auf der Straße liefert durch die Interaktion mit einem Ideen-Prototypen hilfreiche Informationen, die bei der Entwicklung im stillen Kämmerlein so nicht zutage gefördert worden wären!

Zum Abschluss luden alle Hacker ihre Ergebnisse, angereichert mit ihren Erfahrungen aus dem Street-Test auf die CycleHack-Plattform hoch. Die weltweit entwickelten Ideen stehen unter Creative Commons zur freien Verwendung oder Weiterentwicklung zur Verfügung. So soll ein Austausch unter den Radfahrern gefördert werden und ein Beitrag zu nachhaltigeren, fahrradfreundlicheren Städten geleistet werden. Ihr könnt Euch die Ergebnisse aus Nürnberg und den anderen Städten hier ansehen: http://www.cyclehack.com/location/nuremberg

 

Wir sagen Danke!

cyclehacker ngbBenno und ich möchten uns noch einmal bei allen Teilnehmern bedanken, die uns nicht nur mit ihrer Anwesenheit, sondern auch mit einer Fülle an kreativen Ideen beehrt haben. Wir sind überwältigt von Eurem Engagement, Ideen, Prototypen und dem Spaß, den wir zusammen hatten!

Ein extra Dankeschön geht an das Team des FabLab Nürnberg, ohne welches die mannigfaltige und vielgestaltige Umsetzung verschiedenster Ideen nicht möglich gewesen wäre. Ein besonderer Dank gilt natürlich dem Team von BLUEPINGU e.V., das dieses Format nach Nürnberg gebracht hat!

 

RadioZ-Beitrag über den CycleHack von Sebastian Pallek 

Hier anhören: Soundcloud

 

Mein persönliches Fazit

Der zweite CycleHack und vor allem die Menschen, die dabei waren, haben mich wieder einmal unglaublich elektrifiziert! Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell man mit der iterativen Design Thinking Methode, seiner Nutzerfokussierung und einem kreativen Setting auf echte Probleme oder echten „need“ stößt. Durch das rapid Prototyping und das erlebnisbasierte Feedback werden Lösungsideen schnell auf einen anderen Level gehoben und falsche Annahmen sofort sichtbar! Durch die Ausarbeitung in einer Lo-Fi-Variante traut man sich eher, seine Idee zu verwerfen oder in Teilen zu „zerstören“ und zu optimieren. Das Denken mit den Händen und ausprobieren beflügelt die Menschen und bringt weit bessere Ergebnisse, als wenn man versucht, typisch deutsch, alles erst einmal durchzudenken. Der Raum und das spielerische Herangehen fördern die Kreativität. Durch eine lockere (um nicht zu sagen, spaßige) Atmosphäre und die Design Thinking Methoden schafft man Dinge in unglaublich kurzer Zeit! Mir gefällt am CycleHack besonders gut, dass man nicht über Probleme spricht, sondern sie durch Experimentieren versucht zu lösen!

Das ganze dann noch eingebunden in eine globale Gemeinschaft, die offen ist, gerne Wissen und Erfahrungen teilt und sich gegenseitig unterstützt, hat gewisses Suchtpotenzial!

Daher freue ich mich schon jetzt auf den CycleHack Nürnberg 2017!
Keep on hacking!
Andreas

* Das Wort Hack kommt aus dem Englischen und wurde zuerst im IT-Kontext verwendet für Treffen von Interessierten, die in kurzer Zeit unkonventionelle Lösungen für Software entwickelt haben. Dieser Ansatz von den Begründern des CycleHack mit Design Thinking Methoden auf die Beseitigung von Barrieren beim Radfahren angewendet. Der CycleHack will einen wichtigen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit im Bereich Mobilität leisten und den Austausch zwischen Radenthusiasten auf der Welt fördern.

P.S.: Einen tollen Film zu Design Thinking findet Ihr hier in englischer Sprache: designthinkingmovie.com