Mobility Safari Teil 2 – Bikesharing

Donnerstag, 6. Juli 2017

Anno 2017 liegt die “Erfindung des Rades” bereits ganze 200 Jahre zurück. Auslöser für die damals noch unscheinbare Erfindung war der große Hafer- und Futtermangel, der vielen Pferden, quasi dem Auto des 19. Jahrhunderts, das Leben kostete. Da Tüftler und Erfinder Karl Drais auch ohne Pferd von A nach B kommen musste, entwickelte er die “Draisine”, ein zweirädriges Laufrad aus Holz. Dieses feierte am 12. Juni 1817 seine erste Ausfahrt. Der Siegeszug des Fahrrads hatte begonnen, und es ist heutzutage wichtiger denn je für die Energiewende und eine zukunftsgerechte Mobilität.

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Zurück im Jahre 2017 ist das Fahrrad nicht mehr aus dem Verkehrsbild wegzudenken. Die Bandbreite reicht dabei vom klassischen Cityrad über kleinste Falträder bis hin zum Carbon Rennrad-Leichtgewicht oder hightech Mountainbike mit E-Antrieb. Die Anwendungsfälle vom simplen Pendeln durch die Stadt über Schönwetter-Ausflüge auf dem Land bis hin zu Alpenüberquerungen oder dem Wocheneinkauf mit dem Lastenrad. So gut wie jeder Mensch kann heutzutage Fahrrad fahren und besitzt eines oder sogar mehrere.

Wozu sollte man da noch ein Bikesharing System nutzen? Die guten Gründe für das Carsharing bzw. gegen den privaten PKW-Besitz wie Umweltbelastung, Parkplatzsituation, Verkehrskollaps, Kosten, etc., funktionieren beim Fahrrad so nicht. Es ist wesentlich erschwinglicher, platzsparender und stößt keine Emissionen aus, also alles keine Gründe ein Sharing System zu nutzen. Was also sind die Anwendungsfälle?

Nehmen wir mal an, du reist (vorbildlich) mit dem Zug in eine fremde Stadt. Du hast wirklich lange gesessen aber bist jetzt angekommen, die Sonne scheint und es ist richtig schön warm. Allerdings ist es bei diesen Temperaturen in Bussen und U-Bahnen wesentlich weniger angenehm. Du hast wirklich keine Lust dich mit schwitzenden Menschen auf engstem Raum in eine U-Bahn zu stellen, die dann auch noch ausschließlich durch Tunnel fährt, also fällt das schon mal raus. Für den Bus gilt das gleiche (abzüglich der Tunnel). Wie schön wäre es doch, wenn du dich bei dem Wetter auf dein Fahrrad schwingen könntest, aber leider passt dieses nicht ins Handgepäck und du wolltest auch kein zweites Ticket nur für dein Rad kaufen (eindeutig weniger vorbildlich von der Bahn und ihren örtlichen Ablegern…). Ganz geknickt verlässt du den Bahnhof, bis auf einmal – Licht am Ende des Tunnels – eine Bikesharing Station auf dich wartet.

Oder stell dir vor es kommen vier Freunde zu Besuch. Auch sie haben ihr Fahrrad nicht eingepackt (sind wir mal ehrlich, die Dinger lassen sich wirklich schlecht transportieren). Ihr wollt in die Stadt zu einer tollen Eisdiele, aber Laufen ist zu weit und die Öffi-Anbindung dorthin verbesserungswürdig, außerdem seid ihr alle aktive Menschen und wollt euch bewegen. Du hast vielleicht zwei Fahrräder im Keller aber der Rest soll ja auch nicht zu Fuß gehen müssen. Du schaust auf dein Smartphone und entdeckst eine Bikesharing Station in 5 Minuten Entfernung, der Tag ist gerettet.

Anwendungsfälle gibt es also! Zeit das ganze einmal in der Praxis auszuprobieren. In Nürnberg gibt es nur den Anbieter Norisbike, eine Tochter des Marktführers Nextbike, andere Städte sind hier bereits wesentlich breiter aufgestellt.

 

Registrierung

Nach der “Horror-Registrierung” für das Carsharing (siehe Teil 1) ist die Registrierung von Nextbike ein wahrer Segen. Fairerweise sollte hier erwähnt werden, dass für die Nutzung von Nextbike keine Führerschein Validierung oder ähnliches notwendig ist.

App herunterladen, öffnen und Stadt auswählen. Letzteres ist bei Nextbike leider nicht so einfach möglich, da man sich durch eine sehr lange Liste mit Städten scrollen muss bis man die passende gefunden hat. Hier wäre eine Filter- oder Suchmöglichkeit von Vorteil gewesen, da den Usern wirklich jede Stadt der Welt mit Nextbike Ableger angezeigt wird. Hat man dann seine gewünschte Stadt gefunden muss man noch die AGB akzeptieren und kann fortfahren.
Ärgerlich ist hier auch, dass Nextbike seine größte Stärke, nämlich internationale Verbreitung, nicht ausnutzt. Warum muss ich mich für einzelne Städte registrieren und nicht nur einmal zentral für alle Nextbike-Städte? Das sollte doch vertraglich mit den Ablegern vereinbar sein.

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Die Eingabe der persönlichen Daten ist angenehm kurz gehalten. E-Mail Adresse und Handynummer reichen Nextbike aus. Wer möchte, kann seine Profildaten nach der Registrierung in der App noch um eine Adresse erweitern.  Mir persönlich gefällt das so sehr gut, denn letzten Endes geht es “nur” darum sich ein Fahrrad auszuleihen. Allzu großer Datenhunger der Anbieter wäre meiner Meinung nach einfach fehl am Platz.

Im Anschluss an die persönlichen Daten muss man noch ein Zahlungsmittel hinterlegen. Nextbike bietet hier die Möglichkeit der Kreditkartenzahlung und SEPA Lastschrift. Zur Validierung wird 1,00 € einbezogen, der einem anschließend als Gutschrift zurückgegeben wird. Bei Zahlung mit Kreditkarte kann der Service sofort genutzt werden. Dies ist besonders bei spontaner Nutzung sehr praktisch. Bei SEPA dauert es hingegen ein paar Tage bis die Freischaltung erfolgt ist. Wer es nicht eilig hat, kann darauf zurückgreifen.

 

Ausleihe und Service

Nach der Registrierung kann man entweder über die Karte der App nach Stationen suchen, oder man weiß schon, wo diese sind und läuft direkt dorthin. Was die Verbreitung von Stationen angeht, ist Nürnberg sehr gut aufgestellt, man läuft kaum länger als 10 Minuten, wenn man sich im Stadtgebiet befindet. Die App bietet darüber hinaus die Möglichkeit, ein oder mehrere Räder im Vorfeld zu reservieren, oder direkt an der Station auszuleihen. Letzteres erfolgt entweder über die Eingabe der Fahrradnummer oder via Scannen eines QR-Codes am Rad mit der App. Anschließend muss man die Ausleihe in der App bestätigen und erhält den Code für das Zahlenschloss – es kann losgehen.

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Da Roman die Registrierung erst einen Tag zuvor gemacht und das Lastschriftverfahren gewählt hatte, konnte er sich zunächst kein Rad ausleihen. Leider wird man in der App nicht darauf hingewiesen, sondern bekommt eine allgemeine Fehlermeldung, dass die Ausleihe nicht möglich ist. Erst ein Anruf beim Nextbike-Service konnte Aufklärung und Abhilfe schaffen. Nach telefonischer Durchgabe der Kreditkartendaten wurde sein Account sofort freigeschaltet. Dies ist ein tolles Beispiel, dass bei der Konzeption einer derartigen Anwendung nicht nur die User Experience auf dem Smartphone beachtet werden muss, sondern auch der Blick “über den Displayrand” sehr wichtig ist um den Usern ein gutes Erlebnis zur Verfügung zu stellen.

 

Die Fahrräder

Mit Rädern am Start konnte es losgehen. Die Nextbike Räder haben einen tiefen Einstieg, breiten Sattel und dicke Reifen. Für Fahrkomfort auf allen Untergründen der Stadt ist also gesorgt. Besonders praktisch ist der große Fahrradkorb (inkl. Stadtkarte) am Lenker des Rades. Schloss und Taschen können dort einfach und sicher verstaut werden, ein Gepäckträger ist auch mit an Bord. Auch wenn die Räder an sich keinen wirklichen Grund zur Kritik bieten, wäre es trotzdem schön ein bisschen mehr Auswahl zu haben. Warum bietet Nextbike nicht beispielsweise auch E-Bikes für längere Strecken oder Lastenräder zum Transport an? Oder wie sieht es mit Falträdern aus? Diese könnte man mit in die U-Bahn nehmen um doch etwas schneller ein paar km zu überbrücken. Darüber hinaus sind die Nextbike Räder zwar praktisch, aber leider optisch sehr altbacken. Gerade wenn man eine jüngere Zielgruppe ansprechen möchte sollten ein bisschen “schickere” Bikes angeboten werden. Das muss jetzt nicht bedeuten, dass neumodische Fixies bereitgestellt werden, ein bunter Anstrich bei den Rädern würde schon einiges bewirken.

 

Rückgabe

Nach der Ausfahrt bieten sich zwei Möglichkeiten für die Rückgabe: an einer Nextbike Station oder innerhalb der s.g. “Flex-Zone”. Letztere umschließt in Nürnberg alles innerhalb der Stadtmauern, hier kann man sein Rad an jeder beliebigen Stelle abstellen und zurückgeben. Fahrrad abschließen, über die App den Standort des Rades ermitteln und Buchung beenden – fertig. Die Flex-Zone macht meiner Meinung nach absolut Sinn und erleichtert die Nutzung enorm, da ich auf dem Weg zu meinem Ziel nicht erst nach der nächstgelegenen Station suchen muss, um dann doch wieder (genau wie bei Bus und U-Bahn) die “letzte Meile” zu Fuß erledigen muss. Aus Nutzersicht wäre eine Erweiterung dieser Flex-Zone absolut begrüßenswert.

 

 

App

An und für sich bietet die App alles was man braucht und stört nicht mit unnötigen Features oder zu großem Datenhunger. Wirklich schön oder toll zu benutzen ist sie aber trotzdem nicht. Das liegt zum einen an dem etwas angestaubten Design der Anwendung, das geht anno 2017 einfach schöner. Zwar sind sämtliche Screens im Flat-Design gehalten wie es heute üblich ist, aber die Umsetzung wirkt fantasielos und lustlos. Ein Blick in die Niederlande zu FlickBike zeigt wie schick und modern so eine App aussehen kann (das gilt übrigens auch für die Räder).
Ein Vergleich von Nextbike und FlickBike zeigt auch, dass die Anbieter unterschiedliche haupt- Anwendungsfälle für die Ausleihe sehen.
Bei FlickBike startet die App mit einer fullscreen Kartenansicht und bietet den Usern direkt einen Überblick über Stationen und Räder in der Nähe. Eine Eingabe der Radnummer wird hier gar nicht benötigt, sondern ausschließlich das Scannen des QR-Codes auf den Rädern angeboten. Somit bedient FlickBike sowohl die Anwendungsfälle des Rades/Stations- Finden und Suchens, als auch die spontane Ausleihe, wenn ich mich bereits vor einem Fahrrad befinde, ohne eine Interaktion in der App vornehmen zu müssen. Vorbildlich!
Bei Nextbike hingegen startet die App mit einem Ziffernblock zur Eingabe eben jener Radnummer. So eine Ansicht wünsche ich mir für meine Telefon-App aber doch nicht zum Ausleihen eines Rades. Und wozu wird hier der Hauptfokus auf eine manuelle Eingabe einer Nummer gelegt, wenn ich doch gleich den QR-Code scannen kann? Jedes Smartphone besitzt heutzutage eine Kamera. Natürlich ist das Scannen des Codes mit der Nextbike-App möglich, aber eben nicht direkt vom Start aus. Es sollte doch genau umgekehrt sein: QR-Code für schnellen, komfortablen Zugriff und manuelle Eingabe der Radnummer als Fallback falls die Kamera defekt ist oder der Code nicht richtig lesbar ist.

nextbike vs flickbike startscreen

Darüber hinaus bietet natürlich auch die Nextbike- App eine Karte aber genau wie beim Scannen des Codes müssen die User diese erst einmal auswählen um einen Überblick über Standorte zu bekommen.

 

 

Warum kommt Bikesharing in Nürnberg nicht in Fahrt?

Leider wird das Thema Bikesharing in Nürnberg nicht wirklich angenommen. Seit längerer Zeit wird schon spekuliert, ob das System abgeschafft wird und die Verträge mit Nextbike gekündigt werden. Aber woran liegt das?
An und für sich ist die Stationsabdeckung in Nürnberg recht gut und auch die Flexzone im Innenstadtgebiet ist sehr praktisch. Die App funktioniert bis auf die oben genannten Defizite auch sehr gut und man kann sich schnell ein Rad ausleihen.
Ein Grund mag vielleicht sein, dass die Stadt Nürnberg bzw. die VAG als Betreiber sich “[…] durchaus noch mehr engagieren (könnte)”. So zumindest die Aussage von Norisbike Sprecherin Mareike Rauchhaus.
Meiner Meinung nach müsste stärker für das Bikesharing geworben werden und gewisse Vorzüge bei der Verwendung einesNorisbikes geboten werden. Warum bekomme ich keinen Rabatt mehr auf meine Ausleihe wenn ich ein Jahresabo habe? Früher gab es das mal. Für das Carsharing von Scouter oder Autovermietung von Europcar bekomme ich doch auch einen Rabatt. Wie wäre es beispielsweise wenn ich 10 Stunden kostenlose Nutzung des Bikesharings mit meinem Jahresabo bekomme? Wie sieht es mit Studententarifen aus? Warum gibt es vor TH, Uni und sämtlichen Wohnheimen der Stadt nicht gleich mehrere Fahrradstationen?
Eine andere Idee wäre, ein Norisbike kostenlos mit in die U-Bahn nehmen zu können. Dies wäre ein klarer Vorteil gegenüber der Nutzung eines privaten Rades für das ich ein extra Ticket kaufen muss.
Auch die Einfachheit des Bikesharings sollte stärker hervorgehoben werden. Ich persönlich war immer der Meinung es dauert zu lange und ist zu kompliziert mich wieder irgendwo registrieren zu müssen und war positiv überrascht wie schnell es ging.

Ein weiterer Punkt ist die Attraktivität der App. Unabhängig vom Design (was ja auch immer Geschmackssache ist) könnte man hier einen Mehrwert bieten indem man bspw. interessante Fahrradtouren vorschlägt. Dieses Angebot hat die VAG bereits auf ihrer Website, warum also nicht einfach in die App verfrachten. In Kombination mit der kostenlosen Fahrradmitnahme im Verbundgebiet sollte das definitiv ein paar Leute mehr auf das Leihrad bewegen.

Außerdem wäre es möglich eine multimodale App zu bieten, also eine App in der ÖPNV, Carsharing und Bikesharing vereint sind. Die User müssten sich nur einmal registrieren und Zahlungsmittel hinterlegen. Wenn Nutzer ohnehin schon einen Account haben um ihr Handyticket zu kaufen, sind sie buchstäblich nur einen “Tapp” von der Fahrradausleihe entfernt.

Darüber hinaus könnte die FlexZone im Stadtgebiet erweitert werden, damit ich nicht immer zu einer Station laufen muss. Bikesharing kann übrigens auch komplett ohne Stationskonzept funktionieren wie es Socialbicycles aus den USA zeigt. Hiermit wäre es auch für die Betreiber einfacher und günstiger ein Bikesharing anzubieten, da keine Stationen mehr gemietet, gebaut und gepflegt werden müssen.

 

Fazit

Was soll man jetzt abschließend sagen? An und für sich hat mir Norisbike gut gefallen. Die Registrierung ging einfach und schnell. Der Service ist freundlich und hilfreich. Die App tut was sie soll und Stationen und Räder gibt es überall in der Stadt. Auf dem Papier stimmt damit alles, wären da nicht die vielen kleinen Details.
Räder und App wirken vom Design her lieblos und nicht mehr zeitgemäß. Die App an sich könnte wesentlich effizienter gestaltet sein und ihren Nutzern das Leben stärker erleichtern.
Die größten Probleme sehe ich allerdings abseits der App. Die Stadt tut meiner Meinung nach nicht genug um das Angebot attraktiver zu machen. Dinge wie Studentenrabatt, kostenlose Mitnahme in der U-Bahn oder andere Rabatte in Kombination mit verschiedenen Abos bei der VAG sollten bereitgestellt und beworben werden. Die Nutzung eines Sharing-Bikes sollte schlicht mehr Vorteile bieten als die Nutzung meines eigenen Rades. Solange dies nicht passiert dürfte es Bikesharing in Nürnberg schwer haben und das wäre wirklich schade! Im Bikesharing steckt sehr viel Potenzial die Stadt “grüner” und schöner zu machen. Das Fahrrad sollte nicht als Schönwetter-Alternative für Bus und Bahn gelten, sondern Bus und Bahn als Schlechtwetter-Alternative für das Fahrrad.