Smartwatches - Was taugen sie? Eine gefühlte Wahrheit

Dienstag, 09. Juni 2015

Die kleinen Teile, futuristisch am Handgelenk zu tragen, sind ja zur Zeit in aller Munde. Grund genug, sich als Designer und potenzieller Träger zu fragen: Was habe ich davon und welche Anwendungsfälle machen Sinn? Daher habe ich einfach mal getestet - am Beispiel der Android LG G Watch (http://www.lg.com/de/wearables/lg-G-Watch).

Zunächst einmal zur Hardware: Die “Uhren” sind ausgestattet mit allerlei Sensoren, die darauf warten, gewinnbringend eingesetzt zu werden. Die Ausstattung ist allerdings unterschiedlich. Manch einer, der seine Smartwatch zum Sport-Supervisor machen will, wird auf den Pulsmesser bauen. Einem anderen genügt es vielleicht, dass man mittels Spracherkennung schnell mal eine WhatsApp-Message beantworten kann. Das Mikrophon empfängt solche Spracheingaben. Gyroskop und Beschleunigungssensor dienen zur Positions- und Richtungsbestimmung. Durch Handauflegen auf den Lichtsensor bringt man die Smartwatch zur Ruhe.

Die Herausforderung beim Konzepten für die Smartwatch liegt im Finden passender Anwendungsfälle. Insbesondere, da sie technisch gesehen lediglich der verlängerte Arm des Smartphones ist. Sie ist kein Standalone-Device, sondern zeigt nur Inhalte an, die sie von den verbundenen Smartphone-Apps erhält. Ist das Handy nicht in Bluetooth-Reichweite, dann funktioniert auch ein Großteil der Features der schlauen Uhr nicht.
Macht es nun Sinn, Inhalte auf der Smartwatch verfügbar zu machen, die danach eine Interaktion auf dem Smartphone erfordern? Vielleicht. Es kommt darauf an. Wenn es aber cool sein soll, darf die Transformation des Digitalen nicht um der Transformation Willen geschehen.

Das Interface ist einfach zu bedienen. Auch, weil Google strenge Guidelines veröffentlicht hat. Es werden nur Inhalte angezeigt, die in der Situation für den User Sinn machen, d.h.

  • Inhalte werden kontextsensitiv, abhängig von Ort, Zeit und Aktivität angezeigt oder von verknüpften Apps auf die Uhr gesendet (Bridged Notifications). Diese können bei Bedarf aber auch blockiert werden.

  • Die Inhalte werden in Form von Cards angezeigt und enthalten schnell erfassbare, reduzierte Informationen, die als Preview dienen.

  • Sie erscheinen im Context Stream, einer vertikalen Liste, die man durchwischen kann. Wird eine Card nicht benötigt, kann sie nach rechts weggewischt werden. Nach links wischen öffnet die einzelne Card, deren Details und verbundene Interaktionsmöglichkeiten.

Navigation auf dem Wear Device; Quelle: https://developer.android.com/design/wear/index.html. Hier finden sich auch alle Design Guidelines zum Nachlesen.

Die gesamte Navigation bewegt sich also entlang einer vertikalen Hauptachse und einer horizontalen Detailansicht. Easy.

Wichtig zu verstehen ist, dass die auf der Smartwatch dargestellten Inhalte vorrangig auf “Information” und gegebenenfalls “Reaktion” und nicht auf “Aktion” ausgelegt sind. Das lässt sich am besten an den gängigsten mitgelieferten Anwendungen illustrieren. “Ab Werk”, verbunden mit den Google Services und der Android Wear App kommen E-Mail, SMS, Anrufe, Notizen, Kompass, Kalender, Stoppuhr/Timer, Navigation, Musikplayer und der Schrittzähler Fit auf die Uhr.
Die von ihnen ausgehenden Notifications erhält der Nutzer, auf Wunsch mit Vibration, auf die Uhr und muss so nicht das Handy aus der Tasche kramen, um zu wissen, was sich Neues, z.B. im Terminkalender, getan hat. Ein Blick auf die Uhr ist im Alltag weniger störend - gerade wenn man sich in Gesellschaft befindet.

Bei der Beantwortung einer SMS oder der Eingabe eines Navigationsbefehls müssen aber auch immer die Kontextbedingungen stimmen: Der User darf sich nicht in zu lauter Umgebung befinden, bei sensiblem Inhalt muss er unter Ausschluß von neugierigen Mithörern agieren und die Spracherkennung muss auch tatsächlich funktionieren (Was insbesondere bei Eigennamen oft nicht der Fall ist.) Auch die Anrufannahme ist eine gute Idee, allerdings nur, wenn man gerade ein Headset aufhat, denn zumindest die LG G hat keinen Lautsprecher. Diese Einschränkungen und die Tatsache, dass viele Dienste aktiv auch gar nicht abrufbar sind (WhatsApp zum Beispiel) machen das Device zu einem oft nur passiv genutztem Gadget.
Anwendungen wie der Musikplayer, der nicht notwendigerweise mit Sprachsteuerung bedient werden muss, sondern mit einem einfachen Tap auf den Play Button gestartet wird, sind wenig störanfällig und hier kann die Smartwatch tatsächlich brillieren. (Man gelangt zur entsprechenden “Card” durch Tap auf den Hintergrund des Startscreens und über das sich dann öffnende Menü).

Einen echten Mehrwert bietet die Smartwatch, wenn ihre eingeschränkte Funktionalität nicht als Nachteil, sondern als Vorteil betrachtet wird und der Kontext, in dem bestimmte Apps verwendet werden, immer mitbedacht wird. Klar ist es nett und bequem, Notifications auf die Smartwatch zu bekommen. Oder wenn es gelingt, die Routen-Navigation anzustoßen. Im Grunde genommen würde man dies aber lieber mit dem Handy tun, wenn man nicht gerade in der anderen Hand ein Getränk oder den Fahrradlenker hätte.
Wenn man nun Situationen betrachtet, in denen es nicht nur nicht bequem, sondern schlicht nicht möglich ist, das Smartphone bzw. beide Hände zu nutzen, also keine hinreichende Bedienung, sondern eine notwendige Bedingung für den Gebrauch vorliegt, und wenn die Umgebungsfaktoren stimmen, wird es spannend. Insbesondere, wenn man die umfänglichen Sensorfunktionalitäten der Wear Devices mit einrechnet. Was ist zum Beispiel mit einem automatischen Telefonnotruf, der sich aus unregelmäßigem Puls und fehlender Bewegung ergibt? Oder der Bezahlung im Lieblingsgeschäft per Fingerabdruck-Sensor? Eine Zeiterfassungs-App, die merkt, wann man das Büro, die Baustelle, die Klinik usw. betritt und automatisch fragt, auf welches Projekt zum Beispiel gebucht werden soll? Wenn hier eng mit Kunden und Nutzern zusammengearbeitet wird, dann kann eine Smartwatch mehr als ein Gadget sein. Eine interessanter Versuch in diese Richtung ist zum Beispiel FitBit: Ein Wearable, das den Schlaf überwacht, um Prognosen des Auftretens von Schüben bei schizophrenen Patienten vorauszusagen (http://www.wired.co.uk/news/archive/2015-05/14/schizophrenia-relapse-alert-system-fitbit).

Ein Rezept für gute Smartwatch-Anwendungen gibt es nicht. Aber wir wissen, wo wir einkaufen müssen: Beim Nutzer, beim Kontext, in der Einfachheit und beim technologischen Potential, das in den (Sensor-)Daten steckt. Bis dahin können wir “Deadly Spikes” spielen ;)

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